Das Gemälde «Tulpen auf einem schlechten Beispiel» ist aus einem Moment der Blockade entstanden. Ich hatte den Anspruch, gezielt und kontrolliert zu arbeiten,
mit klaren Ideen und fertigen Konzepten. Doch genau das hat mich blockiert.
Also habe ich bewusst das Gegenteil gemacht. Ich habe eine alte Leinwand genommen, eine Leinwand, die bereits mehrfach bemalt war und habe angefangen, ohne
Plan zu arbeiten. Ich habe Regeln gebrochen, Techniken ignoriert, Schichten übermalt, zerstört und wieder aufgebaut.
Dieser Prozess war befreiend. Er hat mir gezeigt, dass Kunst nicht immer aus Kontrolle entsteht, sondern oft genau dann, wenn man sie loslässt.
Das Werk «Das Bild, das nie fertig wird» ist das Gegenteil des Gemäldes «Tulpen auf einem schlechten Beispiel». Die Leinwand wurde sorgfältig vorbereitet, grundiert
und die Techniken entsprechend angewendet. In Kombination mit Schichten, Nass-in-Nass-Technik und Spachteltechnik entwickelte sich das Bild stetig weiter, doch immer wieder beginnt etwas Neues,
so dass sich das Gemälde nicht voll-ständig vollenden lässt.
Jeder Versuch, es fertig zu stellen, fühlt sich falsch an. Es bleibt in einem Zustand zwischen Werden und Sein. Der Titel macht diese Spannung bewusst: «Das Bild,
das nie fertig wird.»
Damit wird das Unvollendete zur eigentlichen Aussage. Das Werk zeigt, dass Kunst nicht immer einen Abschluss braucht. Manche Gemälde leben genau in diesem offenen
Zustand, als Moment im Prozess und nicht als endgültiges Ergebnis.
Durch das neu gelernte Loslassen bin ich zurück zum Menschen gekommen. Ich habe gemerkt, dass mich nicht das Perfekte interessiert, sondern das Wahrgenommene. Das, was zwischen den klaren Linien liegt.
Deshalb habe ich mich entschieden, auf das Offensichtlichste zu verzichten: den Blick.
Die Augen gelten als Zugang zur Seele, doch für mich ist das unvollständig. Ein Mensch zeigt sich nicht nur im Blick, sondern in seiner Haltung, in seiner
Ausstrahlung und in allem, was ihn umgibt. Indem ich die Augen verberge oder entziehe, verschiebe ich den Fokus.
Die betrachtende Person ist gezwungen, anders wahrzunehmen. Der Mittelpunkt, der bei Porträts oder Figurmalerei oft in den Augen liegt, verlagert sich auf das
gesamte Bild. So wie auch ich selbst Menschen wahrnehme. Auch die Ausführung bleibt deshalb bewusst unvollständig.
Die Zeichnung, die Linien und die ersten Striche bleiben sichtbar. Nicht als Skizze, sondern als Teil des Gemäldes. Denn ein Mensch muss nicht vollständig
ausgearbeitet sein, um präsent zu sein. Diese Bilder sind deshalb nicht nur Porträts, sondern auch der Versuch zu zeigen, wie Wahrnehmung funktioniert, wenn man sich von den Erwartungen
einer typischen Wahrnehmung löst.
Zwischen Spannung und Ruhe
Öl und Pitt in Ölbasis auf
Leinwand (selbst gebaut)
2026
65 / 50cm
CHF 600.-